18.10.09
Über den Sinn typographischer Kreuzzüge, die zwei Ebenen der Textverarbeitung und das Leben.
Die „typografische Verrohung“ nimmt zu. Schuld sollen Schreibmaschinen und das Mitmachweb sein. Warum es nichts hilft, die unkundigen Nutzer zu besserer Typografie überreden zu wollen.
Bevor ich auf meine eigentlichen Thesen zu sprechen komme, sollte klar sein, dass es sich bei Schrift, egal ob gedruckt oder auf dem Bildschirm um ein Mittel zur Kommunikation handelt. Ein Mittel zur möglichst schnellen Kommunikation sollte man dazu sagen. Die Schnelligkeit wird durch gute Lesbarkeit erreicht. Gute Lesbarkeit ergibt sich, je nach Studie, die man heranzieht, aus der Differenzierbarkeit und der Gewohntheit der einzelnen Zeichen und des gesamten Schriftbildes. So wird Arial von vielen als besser lesbar empfunden als z.B. die Dax.
Aber wie man weiß, werden Informationen nicht ausschließlich über den bloßen Text kommuniziert, sondern auch über die Aufmachung dessen. Die Entscheidung der CDU, im visuellen Wahlkampf hauptsächlich auf die langweilige Helvetica zu setzen, sagt beispielsweise viel mehr aus, als die Wahlkampfslogans der Partei. Ein ausgeglichener Grauwert und eine gleichmäßige Linienführung machen Texte aus, die gut lesbar sein und obendrein noch gut aussehen sollen.
Glyphen sind also nur eine Abstraktion von Sprache, welche wiederum der Kommunikation, dem Informationsaustausch dient. Zu den starken Zeiten des Prints gab es kaum Probleme, denn die beiden Faktoren Lesbarkeit und äußere Erscheinung konnten perfekt justiert werden. Aufgrund der Omnipräsenz gut gesetzter Texte mit korrektem Sonderzeichengebrauch, brannten sich diese ausgeglichenen Schriftbilder in die Köpfe der Leser ein, was wiederum dem Faktor der Lesbarkeit zugute kam, denn Gewohntes liest sich besser.
Jetzt kann man aber unweigerlich beobachten, dass das Web die gedruckten Magazine und Zeitungen ablöst. Dadurch, dass sich im Internet die Rollen des Autors, des Lektors und des Setzers in einer Person treffen, bleibt verständlicherweise viel Fachwissen auf der Strecke. Typographisches Fachwissen, wie der korrekte Einsatz von Ganz-, Halb- und Viertelgeviertrichen oder die Anwendung der richtigen Anführungszeichen, sind dabei besonders schwer erlernbar, denn die Technik macht es dem, meist noch lernunwilligen, Benutzer hier besonders schwer.
Schon die Einführung der Schreibmaschinen auf dem freien Markt trug einen Großteil zu der oft genannten typographischen Verrohung bei. Plötzlich musste jeder Mensch per Tastendruck Texte zu Papier bringen können. Die Zusammenlegung von Zoll-, Sekunden- und Anführungszeichen war eine notwendige Einsparung, denn der Platz auf der Schreibmaschinentastatur war begrenzt und man wurde ohnehin schon erschlagen von den ganzen Tasten.
Es war auch eine rationale Entscheidung, das Tastaturlayout der alten Schreibmaschinen auf die Computerbedienelemente zu übertragen. Schließlich hatten die Nutzer schon einmal etwas Neues erlernen müssen, eine nochmalige Umstellung wäre frustrierend gewesen. Dass man dabei auch seltsame Abarten wie die Feststelltaste oder den freistehenden Akzent übernahm, ist aus typographischer Sicht noch vergleichsweise schmerzfrei zu betrachten. Weitaus schmerzvoller sind die alten Hochkommata und der Schreibmaschinen-Akzent, welche sich ungerechtfertigterweise prominente Plätze sichern konnten.
Mit dem Web ist die nächste Stufe der „Verrohung“ erreicht, denn jetzt kann nicht nur jeder schreiben, sondern auch jeder alles lesen, was man schreibt. Ich denke, ich lehne mich nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass wohl die Anzahl der „falschen“ Sonderzeichen im Web die der richtigen weit übertrifft. Die Auswirkungen spürt man schon. Gerade Jugendliche schreiben zunehmend auch handschriftlich in angelsächsischer Anführungsmanier. Sogar in die Gestik haben die Hochkommata schon seit Jahrzehnten ihren Einzug gehalten, oder wie oft sieht man jemanden auf der Straße, der beim gestischen Untermalen eines Zitats die deutschen Anführungszeichen in die Luft malt?

Aber nicht nur der offensichtlichste Grund – die einfache Erreichbarkeit der „falschen“ Zeichen – ist das Problem alleine. So sind auch die umständlichen Formen der Sonderzeichen ihrem Überleben selbst am wenigsten zuträglich. Stets muss man im Kopf haben, ob der Schwung nun nach links, ob die Striche oben, oder ob vor die drei Punkte ein Leerzeichen kommt. Die verbreiteten Webschriften brauchen bei dieser Problematik auch nicht auf Jubel zu hoffen, denn die bekanntlich falsche Form des Verdana-Anführungszeichens ruft nicht nur Gejammer bei Fachkundigen, sondern auch Verwirrung bei den weniger erfahrenen Anwendern hervor.
Meiner Meinung nach darf man den gemeinen Nutzer am wenigsten als Typo-Vandalen beschimpfen und ihn in die Esel-Ecke stellen. Im Gegenteil, ich habe sogar die Hoffnung, dass die Nutzer durch die eben genannten Probleme abgehärtet sind und mit einer Anti-WYSIWYG-Haltung an’s Webtexten herantreten. Dadurch, dass die Zeichen eh überall anders aussehen, wird die Einsicht geschaffen, die ich wichtig halte, für das Konzept, das ich für die Zukunft der Textverarbeitung im Web halte.
Mit einem einfachen Trick, der vielerorts schon, teilweise bewusst, teilweise unbewusst, angewendet wird, macht man dem Schreibenden das Prinzip der zwei Ebenen der Textverarbeitung klar und bringt ihm die Funktionsweise schonend näher. Wovon ich spreche? Ich spreche beispielsweise von jedem Blog-Kommentarfeld, welches sich einer dicktengleichen Schrift bedient. Dadurch wird signalisiert, dass es sich bei dem, woran man schreibt, noch nicht um das Resultat handelt, sondern lediglich um den Inhalt in der Editierebene. Was letztlich auf der Präsentationsebene entsteht, braucht den Schreiberling nicht groß zu kümmern, denn er vertraut der Software; sie wird schon richtig übersetzen und es besser wissen als der Editor. Auf der Editierebene kann dann ungestraft mit Hochkommata und Schreibmaschinen-Akzenten um sich geworfen werden.
Denn im Grunde sind die, gemeinhin als Gänsefüßchen bekannten, Hochkommata richtige Anführungszeichen, nur eben im Schreibmaschinensatz, d.h. nur in Verbindung mit nichtproportionalen Schriften. In Courier sieht 99-66 genauso fremdartig aus, wie die Hochkommata in Times. Die Gewohntheit eines ordentlichen Schriftbildes wird bei der 2-Ebenen-Methode ideal verknüpft mit der Gewohnheit, „Shift+2“ zu drücken, um ein Anführungszeichen darzustellen.
Positiv hervorzuheben sind in diesem Bereich das PHP-Programm Textile, welches die Hochkommata, Akzente, Divis und Ellipsen von alleine, recht intelligent übersetzt. Ein extremes Beispiel, welches sich nicht so leicht mit dem Web verbinden lässt, ist der LaTeX-Editor LyX. Anstatt wie bei Word & Co. den Nutzer direkt am Dokument arbeiten zu lassen, bekommt man nur die Möglichkeit, die Struktur seines Dokuments zu editieren. Wenn man dieses Prinzip in die Webwelt überträgt, ergibt das bessere Semantik und korrektere Typographie.
Das Prinzip mit den zwei Ebenen ist keinesfalls neu, aber im Web meiner Meinung nach nicht konsequent eingesetzt. Dabei bleibt einem mit den derzeitigen Techniken eigentlich gar nichts anderes übrig.
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