22.06.09
Von Kola und Spezi
Das gemeine Volk sagt »Strichpunkt«, das gemeine Volk sagt »Doppelpunkt«; vor allem sagt das gemeine Volk aber »markus minus schlegel punkt com«, wenn man meine Webadresse phonetisch wiederzugeben versucht.
Das darf nicht sein, nein, da muss man dagegenhalten. Um sich von diesen Leuten abzugrenzen, muss man harte sprachliche Geschütze auffahren. Die Satzzeichen haben es verdient, missverständlich bezeichnet und mit mehrdeutigen Begrifflichkeiten beladen zu werden.
Generell sollte man deshalb also immer genau die Begriffe verwenden, die von den wenigsten anderen Menschen benutzt werden. Man wird hier auf starke lokale und temporale Unterschiede treffen. Je nach Ihrem Status in der Gesellschaft kann es sein, dass bald ganze Völker einen alternativen Begriff verwendet, nur weil Sie ihn in Umlauf gebracht haben. Dann müssen Sie immer schnell einen weiteren Begriff in der Hinterhand haben.
Bei Punkt, Punkt, Komma, Strich kann lediglich letzterer mit einer Variationsfülle aufwarten, die sich sehen lassen kann. Die Unterscheidung des Strichs in Slash, Pipe, Backslash und »Querstrich« dürfte auch den weniger versierten Typovergewaltigern bekannt sein. Dass es hier aber natürlich noch viel diffiziler zugehen kann, verlangt schon fortgeschrittenes Fachwissen.
Der Slash wird gemeinhin als »Schrägstrich« bezeichnet. Sie sind aber Typograph und haben deshalb zuallererst vom »Solidus« zu reden. Je nach Einsatzgebiet darf man auch vom Bruchstrich oder Divisionsstrich sprechen, auch wenn es sich dabei eigentlich um ein anderes Satzzeichen handelt. Den kleinen (im Sinne von selten genutzten) Bruder des Solidus ist der umgekehrte Schrägstrich oder Backslash. Auch mit ihm kann man das Verwirrspiel prima ergänzen, denn neben umgekehrter Schrägstrich gilt auch rückwärtiger oder linksseitiger Schrägstrich. Wenn das nicht ausreicht, kann man immer noch zum »Rückstrich« greifen.
Dass man bei Apostrophen und dem restlichen Kleinvieh aufpassen muss, ist bekannt. Apostrophen sind ein bestimmtes Satzzeichen, ferner gibt es noch das Minutenzeichen und einen einfachen Strich ohne nähere Bedeutung.
»Hochkomma« und »Oberstrich« sind laut Wikipedia zwar umgangssprachlich, dürfen aber zur Not als alternative Termini herhalten, wenn vom Apostrophen die Rede ist.
Ein leidiges Thema sind immer wieder die verschiedenen liegenden Striche. Bindestrich, Halb- und Vollgeviertstrich haben so viele unterschiedliche Fachbegriffe, dass man diese besser in Form einer Liste konsumiert.
Bindestrich
- Viertelgeviertrich
- Trennstrich
- Ergänzungsstrich
- Koppel-Strich
- Hyphen
- Divis
Halbgeviertstrich
- Bis-Strich
- Gedankenstrich
- Streckenstrich
- Gegenstrich
Geviertstrich
- englischer Gedankenstrich
- Spiegelstrich
Minuszeichen
- Negativ-Vorzeichen
Wie Sie sehen, können Sie hier ordentlich reinhauen, was den Begriffsfundus angeht.
Mein persönliches Lieblingszeichen, der Semikolon, ist in seiner lateinischen Begriffsvariante weitgehend überall bekannt. Weniger bekannt ist der Ausdruck »Kolon« für den einfachen Doppelpunkt. Ein Semikolon ist also ein halber Doppelpunkt, auch wenn das der Semantik nicht gerecht wird.
Kaum bekannt dürften die jeweiligen Pluralformen sein. Während sich der Doppelpunkt ein amerikanisches Softgetränk als sprachliches Vorbild nimmt, kann man das Semikola eventuell noch als Spezi interpretieren. Kola und Semikola sind der Gipfel der Satzzeichenbenennung und wenn man diese in der Öffentlichkeit benutzt, sollte man aufpassen, dass man sich nicht gerade im Stammlokal der überzeugten Alkoholiker befindet.
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