Profit als Moment der Irrationalität

In »Einführung in die Dialektik« spricht Adorno in einem Nebengedanken von dem irrationalen, archaischen Moment »Familie« innerhalb der eigentlich rationalen, modernen Gesellschaft. Man könne dieses Moment nicht einfach als überbleibsel einer vergangenen Zeit erklären. Viel eher müsse eine Gesellschaft, die immerhin auf der höchst irrationalen Idee des Profits baut, zwangsläufig solche irrationalen Momente in sich finden. Adorno geht es hier um die Familie, aber ich fand beim Lesen die Irrationalität des Profits viel interessanter. Die moderne Gesellschaft hält sich für rational und aufgeklärt, aber alles, was wir tun, führt letztlich zum Profit, zum Kapitalismus. Dass es sich beim Profitstreben um eine irrationale Motivation handelt, ist bei näherer Betrachtung natürlich selbstverständlich (rational wäre es, unmittelbar die Bedürfnisse aller Beteiligten zu befriedigen, und ab da mehr aufs Sein als aufs Haben zu zielen), aber wir machen uns das oft nicht bewusst. Sobald es aber wieder einmal bewusst wird (und ich glaube, ich werde das Bewusstsein darüber schon bald wieder verlieren, weshalb man sich unablässig solchen Gedanken aussetzen muss), erscheinen viele Phänomene der Business World in einem klareren Licht. Wie oft kommt es vor, dass alle in einem Projekt Beteiligten genau wissen, was eigentlich das Richtige wäre, das Rationale, aber aus wirtschaftlichen Gründen sind einem komplett die Hände gebunden. Tatsächlich werden die wirtschaftlichen Gründe oft als Nebenher empfunden. Man muss gewisse Dinge halt tun, um den wirtschaftlichen Gründen genüge zu tun, so als ob es sich dabei um Götter handelt, denen man ab und zu eine Opfergabe zuteil werden lassen muss. Gleichzeitig ist der Profit aber auch das Primat jeder Handlung. Der Profit ist ein Nebenher und ein Primat gleichzeitig: Herr Chef, ich würde gerne dies und das tun, weil ich weiß, dass das am Ende unseren Profit steigern wird. Nein, Herr Ingenieur, das können wir uns nicht erlauben, das lassen die wirtschaftlichen Umstände nicht zu.

Derzeit sehen wir im Westen ein sehr eindrückliches Beispiel dieses Effekts. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein echter Lockdown zum Anfang der Coronakrise dazu geführt hätte, dass wir das Virus jetzt unter Kontrolle hätten und Einzelhandel und sonstige Wirtschaft beinahe wie vorher weiterlaufen könnten. Ein echter Lockdown verbietet sich aber aus wirtschaftlichen Gründen. Wir können die Wirtschaft nicht auf null fahren, wir müssen sie über Monate hinweg siechen lassen. Man ist als Linker hier gewollt, die Trottel, die das zu verantworten haben, auszulachen. Opportun wäre eher, die Gelegenheit zu nutzen, um auf den Profit als Moment der Irrationalität zu sprechen zu kommen.